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Der Mensch im Mittelpunkt: Warum Emotionen im Change Management unverzichtbar sind

„Emotionen haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen." – Diese provokante These stellten die Mitglieder der buildingSMART-Fachgruppe Change in ihrem ersten Workshop auf. Gleichzeitig lieferten sie aber auch ihre eindeutige Antwort: Gerade im Veränderungsprozess sind Emotionen nicht nur unvermeidbar, sondern der Schlüssel zum Erfolg. Mit einem Glossar und der Methode der Personas schafft die Fachgruppe praktische Werkzeuge für den Umgang mit der menschlichen Seite der Digitalisierung.

Die Digitalisierung der Bauwirtschaft wird oft als technisches Projekt verstanden: neue Software, digitale Prozesse, BIM-Standards. Doch wer Veränderung nur technisch denkt, übersieht einen entscheidenden Faktor: den Menschen. Genau hier setzt die Fachgruppe "Change Management in der Bau- und Immobilienwirtschaft" an – mit einem klaren Fokus auf die emotionale und soziale Dimension von Transformation.

Die unausweichliche Wahrheit: Wir sind Menschen

Die Erkenntnis klingt banal, ist aber fundamental: Wir sind Menschen. Wir werden angetrieben von der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse und unseren Werten. Und wir reagieren auf jede Veränderung, die diese Grundfesten unseres Seins berührt, zuallererst emotional – nicht rational.

Das ist keine Schwäche, sondern eine biologische Tatsache. Emotionen beeinflussen unser Handeln, bevor wir uns rational einer Herausforderung stellen können. Immer. Wer im Change-Prozess so tut, als könnten Menschen ihre Emotionen an der Bürotür abgeben, ignoriert die Realität menschlichen Verhaltens.

Change Management setzt genau dort an, wo Veränderung beginnt, zum Erfolg geführt oder verhindert wird: bei uns Menschen, in all unserer Verschiedenheit. Es nutzt Methoden, unser Menschsein in den Transformationsprozess zu integrieren und diesen zum Erfolg zu führen.

Was ist Change Management eigentlich?

Beim ersten Workshop der Fachgruppe wurde schnell deutlich: Eine einheitliche Sprache muss her, ein gemeinsames Verständnis für die Grundprinzipien. Auch wenn das Thema auf den ersten Blick weit entfernt von der eigentlichen Arbeit bei buildingSMART erscheinen mag. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Change Management und Standardisierung sind gar nicht so verschieden.

Change Management – oder auch Veränderungsmanagement – meint die „zielgerichtete Analyse, Planung, Realisierung, Evaluierung und laufende Weiterentwicklung von ganzheitlichen Veränderungsmaßnahmen“, wie es der Organisationsforscher Dietmar Vahs definiert. Es geht also nicht um punktuelle Interventionen, sondern um einen systematischen, ganzheitlichen Ansatz.

Der entscheidende Unterschied zu anderen buildingSMART-Fachgruppen ist, dass es bereits umfangreiche Forschung und Literatur zum Thema gibt. Die Standards müssen nicht erst erschaffen werden – sie müssen für die Bau- und Immobilienwirtschaft adaptiert und nutzbar gemacht werden.

Kreise Abgrenzung und Gemeinsamkeiten zu Organisationsentwicklung und Agilität

Das Ziel: Bewusstsein schaffen, nicht neu erfinden

Das Ziel der Fachgruppe ist daher bewusst pragmatisch formuliert: einen ersten Einstieg zu ermöglichen und das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass professionelle Change-Management-Methoden für die erfolgreiche Implementierung von BIM-Methoden und digitalen Standards essenziell sind.

Um zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema anzuregen, werden Grundbegriffe geklärt und Hinweise auf weiterführende Literatur gegeben. Das zentrale Werkzeug dafür wird ein Glossar, das die Gruppe entwickelt hat und das sich momentan in der Weiterentwicklung befindet.

Dieses Glossar schafft eine gemeinsame Sprachbasis. Denn: Nur wer die gleichen Begriffe verwendet und das Gleiche darunter versteht, kann erfolgreich zusammenarbeiten. Das Glossar ist gewissermaßen die „Standardisierung“ des Change-Vokabulars für die Baubranche.

Abgrenzung und Überschneidungen: Change Management, Organisationsentwicklung und Agilität

Ein wichtiger Teil der Grundlagenarbeit war die Klärung, wie sich Change Management zu verwandten Konzepten wie der Organisationsentwicklung und Agilität verhält. Alle drei Ansätze beschäftigen sich mit Veränderung, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte und Methoden.

Change Management fokussiert auf die Begleitung konkreter Veränderungsprojekte wie zum Beispiel der Einführung von BIM in einem Unternehmen. Organisationsentwicklung zielt auf die langfristige, nachhaltige Weiterentwicklung der gesamten Organisation. Agilität wiederum beschreibt eine Arbeitsweise, die auf Flexibilität, iterative Prozesse und schnelle Anpassungsfähigkeit setzt.

Die Übergänge sind dabei fließend und die Methoden ergänzen sich sogar oft. Die Fachgruppe hat diese Zusammenhänge und Abgrenzungen visualisiert und diskutiert, um ein klareres Verständnis für die jeweiligen Anwendungsbereiche zu schaffen.

Menschen in der Baubranche: Anders als in anderen Branchen?

Eine weitere Frage, die sich die Mitglieder außerdem stellte, lautete: Sind die Menschen in der Bau- und Immobilienwelt anders als in anderen Branchen? Die Antwort ist ein klares Nein. Die Baubranche bildet ebenso einen Querschnitt durch die Bevölkerung wie Menschen in den meisten anderen Branchen.

Was die Branche jedoch besonders macht, sind ihre spezifischen Herausforderungen: Projektgeschäft mit wechselnden Teams, Schnittstellenvielfalt, traditionelle Arbeitsweisen sowie ein hoher Termin- und Kostendruck. Diese Rahmenbedingungen prägen die Art, wie Menschen auf Veränderung reagieren.

Personas: Die Akteure verstehen lernen

Hier kommt ein bewährtes Werkzeug aus dem Design Thinking ins Spiel: Personas. Das sind fiktive Beschreibungen typischer Vertreterinnen und Vertreter bestimmter Personenkreise, die auf branchenspezifische Herausforderungen angewendet werden können.

Personas helfen, die Antriebe der handelnden Akteure zu verstehen. Dazu gehören Motivationen, Ängste, Widerstände und Chancen. Nur wer die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen versteht, kann geeignete Maßnahmen ergreifen und das gesamte Team erfolgreich durch den Veränderungsprozess lotsen.

Im Abschlussworkshop des Sprints stellte die Fachgruppe dieses Konzept vor und erprobte es gemeinsam. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickelten eigene Personas und durchliefen den Prozess, sich in unterschiedliche Perspektiven hineinzuversetzen.

Praktische Anwendung: Selbst ausprobieren

Durch diese Übung konnten die Mitglieder einen ersten Eindruck der Wirkmacht von Change Management gewinnen. Die Fachgruppe hat dafür ein Template und eine Anleitung entwickelt, die auch andere nutzen können.

Bei der Entwicklung von Personas gilt es, zwei Extreme zu vermeiden: Einerseits sollten keine konkreten, realen Personen beschrieben werden, denn das würde die Methode zu einer persönlichen Bewertung machen. Andererseits sollte man sich nicht von Klischees verführen lassen und stereotype Beschreibungen schaffen.

Der Mehrwert entsteht in der Auseinandersetzung: Setzen Sie sich mit den Beweggründen der Persona auseinander. Was treibt diese Person an? Was sind ihre Sorgen? Welche Werte sind ihr wichtig? Versuchen Sie dann, die richtige Unterstützung im Change für diese Personengruppe zu finden.

Damit haben Sie Ihren Transformationsprozess bereits mit einem ersten, wichtigen Schritt im Change Management unterstützt, denn Sie haben den Menschen in den Mittelpunkt gestellt.

Vom Workshop in die Praxis

Die Arbeit der Fachgruppe zeigt: Change Management ist kein theoretisches Konstrukt, sondern ein praktisches Werkzeug für alle, die in der Bau- und Immobilienwirtschaft Veränderungen gestalten wollen. Das Glossar, die Personas-Methode und die Abgrenzung zu verwandten Konzepten sind erste Bausteine auf dem Weg zu einer professionelleren Gestaltung von Veränderungsprozessen.

Denn am Ende geht es nicht darum, ob wir Emotionen am Arbeitsplatz haben. Emotionen haben wir immer. Es geht darum, wie wir mit ihnen umgehen und sie konstruktiv in den Veränderungsprozess integrieren.


Materialien zum Ausprobieren

Die Fachgruppe Change stellt ihr Personas-Template und die Anleitung zur Verfügung. Interessierte können die Methode selbst ausprobieren und für ihre eigenen Veränderungsprojekte nutzen.

Über die Fachgruppe Change

Die buildingSMART-Fachgruppe „Change Management in der Bau- und Immobilienwirtschaft“ arbeitet daran, professionelle Change-Management-Methoden für die Digitalisierung der Bauwirtschaft nutzbar zu machen. Die Gruppe entwickelt Glossare, Werkzeuge und Leitfäden für die Praxis.