
Grün-Schwarz im Check
BIM, Lebenszyklus und offene Standards: Was die Wahlprogramme von CDU und Grünen für das digitale Bauen in Baden-Württemberg bedeuten
Das Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg vom 8. März 2026 ist historisch knapp und es ist offen, wer das Bundesland künftig regiert. Die Grünen belegen mit 30,2 Prozent (56 Sitze) den ersten Platz, dicht gefolgt von der CDU mit 29,7 Prozent (ebenfalls 56 Sitze).
Nun stehen Koalitionsverhandlungen an. In den Wahlprogrammen der beiden Parteien zeichnen sich dabei unterschiedliche Schwerpunkte bei der digitalen Transformation des Bau- und Planungswesens ab: Während die CDU explizit auf Building Information Modeling (BIM) setzt, verfolgen die Grünen einen breiteren Ansatz mit Fokus auf Lebenszyklusbetrachtungen, digitale Bauverfahren und offene Standards.
Grüne fokussieren Lebenszyklusdenken, digitalen Gebäuderessourcenpass und offene Standards
Das Grünen-Wahlprogramm adressiert die digitale Transformation des Bauwesens aus einer Nachhaltigkeits- und Kreislaufperspektive. Bauen sei „zuletzt immer teurer geworden", Umbauen „häufig kompliziert", heißt es darin. Beides wollen die Grünen vereinfachen (S. 55). Ihr Ansatz: Nicht nur Neubau, sondern wirksamer Mieterschutz, kluge Umnutzung bestehender Gebäude, bezahlbare Standards beim Bau, gemeinschaftliche und inklusive Wohnformen bis hin zum Wohnungstausch sollen dafür Sorge tragen. Wohnraum soll auch über eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft in die öffentliche Hand zurückgeholt werden. Gleichzeitig wollen die Grünen den Weg zum Wohneigentum erleichtern, „besonders für Menschen, die zum ersten Mal kaufen und die Immobilie selbst nutzen wollen" (S. 57).
Für die Baustandards setzen die Grünen auf einen neuen „Baden-Württemberg-Standard für bezahlbares Bauen und Umbauen", orientiert an erfolgreichen Modellen anderer Bundesländer wie dem „Hamburg-Standard" (S. 57–58). Sämtliche Bau- und Umbauvorschriften sollen auf ihre Notwendigkeit geprüft werden. Beim Gebäudebestand fordern die Grünen einen „Sanierungssprint", der auch seriell erfolgen soll (S. 58). Ansätze zum energieeffizienten, ressourcenschonenden und zirkulären Bauen sollen im Strategiedialog Wohnen und Bauen weiterentwickelt werden (S. 58).
Konkret wollen die Grünen „Lebenszyklusbetrachtungen bei landeseigenen Projekten zum Standard machen" (S. 58). Sie unterstützen zudem „die Einführung des auf Bundesebene bereits vorbereiteten digitalen Gebäuderessourcenpasses" (S. 58). Zur Stärkung der Baukultur soll ein „Zentrum für Baukultur Baden-Württemberg" als Plattform dienen, um Erkenntnisse aus dem Strategiedialog Wohnen und Bauen sowie der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA'27) dauerhaft in Praxis, Forschung und Ausbildung zu verankern (S. 58). Die IBA'27 ist ein länderübergreifendes Stadtentwicklungsprojekt der Metropolregion Stuttgart, das innovative Ansätze für Wohnen, Bauen und urbane Transformation erprobt.
Zudem sollen „digitalisierte Bauverfahren, die Planungen beschleunigen", eingeführt werden. Im Bereich der offenen Standards gehen die Grünen weiter als die CDU: Sie wollen „Datenstandards des föderalen Informationsmanagements FIM für Datenbanken und Ausschreibungen des Landes obligatorisch verankern" und „in der Softwarevergabe vorrangig auf Open-Source-Software setzen" (S. 21).
Für die Infrastruktur planen die Grünen einen „Infrastruktur-Booster". Sie betonen, dass es neben Milliarden-Investitionen auch „neue Strukturen und Genehmigungsprozesse" brauche (S. 6 und 14). Eine „Task Force Infrastruktur" soll vorhandene Gelder effektiv einsetzen und Planungs-, Genehmigungs- und Umsetzungszeiten „mindestens halbieren" (S. 14).
CDU: BIM als Werkzeug für Infrastrukturprojekte
Das CDU-Regierungsprogramm 2026 enthält die einzige explizite Nennung von BIM im Vergleich der beiden Wahlprogramme. Unter dem Abschnitt „Digitalisierte Baustellen mit kluger Verkehrslenkung" (S. 23) heißt es: „Große Projekte im Straßen- und Brückenbau werden künftig über BIM-basierte Plattformen gesteuert: Materiallieferungen, Maschinen und Personal werden in Echtzeit koordiniert." Kommunen, Bauunternehmen und Landesbehörden sollen dabei transparente Zeitpläne erhalten, die Verkehrsfluss und Baufortschritte abbilden. Unter anderem sollen 24-Stunden-Baustellen auf hochbelasteten Strecken die Bauzeit verkürzen. Die CDU verbindet dies mit einer „Sanierungsoffensive für moderne Brücken", bei der die jährlichen Erhaltungsmittel schrittweise bis 2030 auf das Doppelte des heutigen Niveaus steigen sollen.
Flankiert wird der BIM-Ansatz durch eine übergeordnete Infrastrukturstrategie: Eine „Planungsoffensive" soll jahrelange Genehmigungsmarathons beenden. Für die staatliche Bauverwaltung plant die CDU eine Optimierung der Schlagkraft und will Kommunen „Vorlagen für die standardisierte Umsetzung von Bauprojekten" bereitstellen (S. 107). Das Programm formuliert als Leitbild: „Eine leistungsfähige und digitalisierte Finanz- und Bauverwaltung sorgt für Effizienz und Geschwindigkeit" (S. 105).
Im Bereich Wohnen setzt die CDU auf Deregulierung: Das Baunebenrecht soll „umfassend entrümpelt" werden, ein neuer Gebäudetyp mit abgesenkten Baustandards eingeführt und mit dem Förderprogramm „HeimVorteil BW" (10.000 Euro pro Erwerbsperson plus 5.000 Euro je Kind) der Eigenheimkauf erleichtert werden (S. 50–51).
Was beide Parteien eint und was sie trennt
Beide Parteien eint das Ziel, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und die digitale Infrastruktur des Landes auszubauen. Sowohl CDU als auch Grüne bekennen sich zur digitalen Souveränität und wollen die Abhängigkeit von außereuropäischen Technologieanbietern reduzieren. Beide Programme sehen erhebliche Investitionen in die physische Infrastruktur vor und wollen Kommunen bei der Digitalisierung unterstützen.
Unterschiede bei der Methodik und den Schwerpunkten
Ein Unterschied liegt in der Tiefe und Philosophie der digitalen Baustrategie: Die CDU benennt BIM explizit als Steuerungsinstrument für Infrastrukturprojekte mit Schwerpunkt auf Straßen- und Brückenbau. Die Grünen legen mit dem Schwerpunkt auf Lebenszyklusbetrachtungen, digitalem Gebäuderessourcenpass und offenen Datenstandards eine breitere, auf den gesamten Gebäudelebenszyklus ausgerichtete Digitalisierungsstrategie vor.
Außerdem fordern die Grünen, dass Neubauten „flexibel nutzbar, leicht umbaubar, recyclingfähig und möglichst rückbaufähig" geplant werden, sie wollen regionale Sekundärrohstoffzentren gründen und ein Innovationsprogramm „Nachhaltig und flexibel Bauen" auflegen (S. 58). Das CDU-Programm enthält zu zirkulärem Bauen und Ressourceneffizienz keine vergleichbaren Aussagen.
Beim Wohnen verfolgen beide Parteien grundlegend unterschiedliche Ansätze: Die CDU setzt auf Marktliberalisierung und Angebotspolitik: Das Baunebenrecht soll „umfassend entrümpelt" werden, ein neuer Gebäudetyp mit abgesenkten Baustandards eingeführt und die Grunderwerbsteuer schrittweise auf 3,5 Prozent gesenkt werden (S. 50). Für den Mietwohnungsbau will die CDU beim Bund eine zeitweise Sonder-AfA von 50 Prozent der Anschaffungs- und Herstellungskosten über fünf Jahre durchsetzen (S. 51). Beim Flächenverbrauch setzt die CDU auf einen „Mix aus Innenverdichtung und Neubaugebieten" und will Kommunen beim Ausweisen neuen Baulandes unterstützen – Neubauflächen dürften „nicht ohne Not verknappt werden" (S. 50).
Innen vor außen oder doch lieber wachsen?
Die Grünen hingegen priorisieren konsequent den Bestand: Ihr Grundsatz lautet „Innenentwicklung vor Außenentwicklung" (S. 59). Sie wollen die Nettonull im Flächenverbrauch „schnellstmöglich" erreichen und setzen auf ein Brachflächenkataster sowie einen Folgekostenrechner für Bebauungen im Außenbereich (S. 58). Beim Mietrecht gehen die Grünen deutlich weiter als die CDU: Sie wollen die Mietpreisbremse als dauerhaftes Instrument verankern, die Gebietskulisse ausweiten und einen landesweiten Mietenmonitor einführen (S. 56). Die CDU bekennt sich zwar zu einem „wirksamen und angemessenen Mieterschutz", betont aber die „Balance zwischen den Rechten der Mietparteien und den Interessen der privaten Vermieterinnen und Vermieter" (S. 51).
Beim Planen und Genehmigen setzen beide Parteien auf Beschleunigung, aber mit unterschiedlichen Mitteln: Die CDU will Bürgerbegehren gegen Bauleitplanungen einschränken und das entsprechende Instrument in der Gemeindeordnung „korrigieren" (S. 52). Die Grünen setzen stattdessen auf Digitalisierung der Verfahren und wollen Kommunen bei der schnellen Anpassung ihrer Bauleitplanung unterstützen, „damit auch das Planungsrecht dem Umbauen nicht länger im Weg steht" (S. 58).
Drei Streitpunkte und eine Gemeinsamkeit: Herausforderungen bei den Koalitionsverhandlungen
Beide potenziellen Regierungsparteien haben digitale Bauthemen in ihre Programme aufgenommen. Für eine mögliche grün-schwarze Koalition dürften drei Konfliktfelder bei den Themen Planen und Bauen verhandlungsrelevant sein: die Frage des Flächenverbrauchs und der Baulandausweisung, der Umgang mit Mietrecht und Mietpreisbremse sowie die Rolle der Öffentlichen Hand beim Wohnungsbau. Beim digitalen Bauen hingegen ergeben sich Schnittmengen: BIM-Methodik (CDU) und Lebenszyklusbetrachtungen (Grüne) schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich konzeptionell. Ob und wie diese Ansätze in einem gemeinsamen Koalitionsvertrag zusammengeführt werden, dürfte zu einem zentralen Verhandlungsthema der kommenden Wochen werden.