Bild: BMV / Sebastian Woithe
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„Offene Schnittstellen und Formate, standardisierte Daten und Harmonisierung von Prozessen sind zentral für unsere Anstrengungen “

Interview mit Dr. Claudia Elif Stutz, Staatsekretärin im Bundesministerium für Verkehr

Ende Juli 2026 wurde das Infrastruktur-Zukunftsgesetz verkündet. Ziel des Gesetzes ist es in erster Linie, die Planungs- und Genehmigungsverfahren für die Verkehrsinfrastruktur (Straßen, Schienen und Wasserstraßen) sowie die Energieinfrastruktur in Deutschland zu beschleunigen, zu vereinfachen und zu digitalisieren. Damit sollen dringend notwendige Sanierungen, Neu- und Ausbauten schneller umgesetzt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit, die Versorgungssicherheit, die gesellschaftliche Teilhabe und die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu gewährleisten. Wesentliche Bestandteile des Gesetzes sind die Einführung eines einheitlichen Verfahrensrechts, die Festlegung des „überragenden öffentlichen Interesses“ für zentrale Infrastrukturvorhaben, die Vereinfachung von Umwelt- und Naturschutzvorgaben, die Straffung von Verfahren (zum Beispiel durch den Wegfall von Doppelprüfungen) und die Digitalisierung von Beteiligungsverfahren. Für das Berlin-Briefing, den politischen Newsletter von buildingSMART Deutschland, haben wir exklusiv mit der Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr, Dr. Claudia Elif Strutz, über das Gesetz gesprochen. 

 

Frau Dr. Strutz, das Infopapier zum Infrastrukturzukunftsgesetz nennt ein Beschleunigungspotenzial von bis zu 30 Prozent durch digitale Verfahren, BIM und KI-gestützte Einwendungsbearbeitung. Welche Rolle spielt dabei die Standardisierung von BIM-Daten, etwa über offene, herstellerneutrale Formate?

 Mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz schaffen wir die Voraussetzungen für mehr Tempo, Verlässlichkeit und Planungssicherheit beim Ausbau und Erhalt der Verkehrsinfrastruktur. Über die materiellrechtlichen Verfahren hinaus beschleunigen wir auch die praktischen und technischen Schritte von Planung, Genehmigung, Bau und Betrieb der Infrastruktur.

Beschleunigen heißt insbesondere auch, Prozesse stärker zu digitalisieren. Der Einsatz der Methode Building Information Modeling ist dafür ein wichtiges Instrument. Mit dem Stufenplan Digitales Planen und Bauen, den BIM-Masterplänen der Fachbereiche und technischen Entwicklungen wie dem BIM-Portal des Bundes hat das Bundesverkehrsministerium in den letzten Jahren bereits die Grundlagen geschaffen.

Offene Schnittstellen und Formate, standardisierte Daten und Harmonisierung von Prozessen sind zentral für unsere Anstrengungen zur Digitalisierung der Verfahren und die Etablierung medienbruchfreier digitaler Prozesse. Durch unseren „open-BIM-Ansatz“ und den Dialog mit den Beteiligten profitieren alle Akteure der Wertschöpfungskette Infrastrukturbau, also Vorhabenträger, Verwaltungen und mittelständische Akteure und Büros aus Planung und Bauwirtschaft.

 Das Gesetz sieht vor, dass Planfeststellungsverfahren künftig grundsätzlich vollständig digital durchgeführt werden sollen. Welche Anforderungen stellt das Ministerium dabei an die Interoperabilität der eingesetzten Systeme, damit Behörden, Vorhabenträger und Planungsbüros verlustfrei Daten austauschen können?

Bei der Umsetzung der Digitalisierungsvorgaben des Infrastruktur-Zukunftsgesetzes können wir auf die technischen Vorarbeiten der letzten Jahre zurückgreifen.

Für den Bereich der Bundesverkehrsinfrastruktur wurde in den letzten Jahren eine fachübergreifende gemeinsame Datenumgebung (CDE) entwickelt, die einen Austausch strukturierter Daten zwischen Planungs- und Genehmigungsstufe ermöglicht.

Für BIM-basierte Projektausschreibungen stellt das BIM Portal des Bundes kostenlos einheitliche Merkmalsdefinitionen, Kataloge und Grundlagendokumente bereit.

Das Antrags- und Beteiligungsportal für Verkehr und Offshore-Vorhaben bietet Vorhabenträgern die Möglichkeit, Unterlagen elektronisch einzureichen. Bürgerinnen und Bürger können sich über geplante Infrastrukturprojekte informieren bzw. online Einwendungen erheben, ebenso wie Träger öffentlicher Belange und Umweltverbände.

Die verschiedenen Teilprodukte werden mit den Anwendungsakteuren kontinuierlich weiterentwickelt und harmonisiert. Ziel ist ein lebenszyklusübergreifender digitaler Gesamtprozess, der die Grundlage für den Aufbau Digitaler Zwillinge und ein datenbasiertes Anlagen- und Systemmanagement für die Verkehrsinfrastruktur bietet.

Mit dem Wegfall der Raumverträglichkeitsprüfung und vereinheitlichten Fristen wächst der Zeitdruck auf die beteiligten Stellen. Wie will das Ministerium sicherstellen, dass digitale Planungsdaten, etwa aus BIM-Modellen, in dieser verkürzten Zeit durchgängig und ohne Medienbrüche prüfbar sind?

Der zunehmende Einsatz digitaler Verfahren und Datenmodelle legt auch die Grundlage für eine künftige Unterstützung bzw. Automatisierung der Prüfprozesse für Planwerke und Projekte.

Mit der Erweiterung und Weiterentwicklung des BIM-Portals des Bundes werden künftig auch softwarebasierte Prüfwerkzeuge zur Verfügung stehen. Damit können Aufgabenträger bereits im Planungsstadium - neben der Prüfung der BIM-Modelle selbst – insbesondere die Anforderungen für die Genehmigung modellbasiert prüfen.

Digitale Zwillinge und BIM sind im Ministerium bereits als eigenes Themenfeld verankert. Inwiefern greift das InfZuG auf diese Vorarbeiten zurück und welche nächsten Schritte plant das Ministerium, um offene BIM-Standards in den beschleunigten Verfahren verbindlich zu verankern?

Wie eingangs erläutert, bauen wir bei der Umsetzung der digitalen Beschleunigungsmaßnahmen des Infrastruktur-Zukunftsgesetzes stark auf den Ergebnissen von Forschungs- und Innovationsprojekten und der Entwicklung von technischen Lösungen und BIM-Praxisvorgaben der letzten Jahre auf.

Ein wichtiger Meilenstein für die verbindliche BIM-Umsetzung in der Fläche ist die Einführung des Regelbetriebs für die Bundesfernstraßen mit dem Allgemeinen Rundschreiben Straßenbau (ARS) Nr. 05/2026.

Die Einführung der BIM-Methode als Regelprozess für das Planen und Bauen von Bundesfernstraßen bedeutet nicht nur die Digitalisierung der Abläufe, sondern auch die Etablierung neuer, kooperativer Arbeitsweisen. Grundlage für die verbindliche Anwendung der BIM-Methode sind die Rahmendokumente, die zusammen die Musterrichtlinie BIM bilden, ergänzt durch Handlungsempfehlungen und Praxisdokumente. Durch die gemeinsame Arbeit an digitalen Modellen können Prozesse schneller, transparenter und effizienter gestaltet sowie Bau und Betrieb wirtschaftlicher und nachhaltiger umgesetzt werden.

Auch bei der Entwicklung lebenszyklusübergreifender Digitaler Zwillinge hat das BMV bereits konzeptionelle Vorarbeiten geleistet und erste Praxisprojekte umgesetzt.

Vor zwei Jahren haben wir fachübergreifende Handlungsempfehlungen und einen Praxisleitfaden für den Aufbau Digitaler Zwillinge veröffentlicht. Zugleich wurden am Beispiel der Köhlbrandbrücke in Hamburg und der Nibelungenbrücke in Worms erste digitale Piloten gestartet.

Gegenwärtig erarbeitet das Ministerium einen Masterplan Digitaler Zwilling Bundesfernstraßen, der derzeit mit der Fachgemeinde abgestimmt wird.

Viele mittelständische Ingenieur- und Planungsbüros stehen im Bahn-, Straßen- und Wasserstraßenbau vor der Aufgabe, ihre Prozesse auf durchgängig digitale, BIM-basierte Verfahren umzustellen. Welche Unterstützung (etwa durch Standards, Leitfäden oder Förderung) bietet das Ministerium diesen Akteuren, damit die Beschleunigungsziele des Gesetzes auch in der Breite ankommen?

Mit der ressortübergreifenden Bundesinitiative „BIM Deutschland“ unterstützen wir fachübergreifend die Anwendung von BIM im Hoch- und Tiefbau in Deutschland.

BIM Deutschland vernetzt die Akteure der Branche und befördert den Austausch für ein gemeinsames Verständnis zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern entlang der gesamten Wertschöpfungskette Bau. Ob BIM-Starter, etablierte Anwender oder Experten, BIM Deutschland steht über die Webseite www.bimdeutschland.de und den monatlichen Rundbrief hinaus bei allen Fragen rund um BIM und die Digitalisierung des Bauwesens telefonisch, per E-Mail oder über das Kontaktformular beratend zur Seite.

Das fachliche Herzstück für die BIM-Umsetzung ist das BIM-Portal des Bundes.

Das BIM-Portal liefert die technischen Grundlagen für BIM-Anwendungen und unterstützt Vorhabenträger in ihren Ausschreibungen. Das Portal ist offen, standardisiert und praxisnah. Das BIM-Portal des Bundes ist daher nicht nur ein technisches Angebot, sondern bietet mit der fachlichen Pflegestelle einen fachübergreifenden Harmonisierungsprozess. Die Unterstützung beschränkt sich aber nicht auf die Technik, sondern schließt auch die Arbeits- und Abstimmungsprozesse und die Vernetzung zwischen den Beteiligten ein.

Zum BIM-Portal, aber auch zu vielen anderen BIM-Themen werden regelmäßig öffentliche Schulungs- und Beratungsveranstaltungen angeboten. Die internen und öffentlichen Schulungsangebote helfen zudem, mögliche Berührungsängste bei BIM-Anwendern und Anwenderinnen abzubauen und Sicherheit im Umgang mit digitalen Prozessen zu gewinnen.

Frau Dr. Strutz, wir danken Ihnen herzlich für das Interview.