
„Digitalisierung ist für mich kein Projekt, sondern eine Philosophie – digitales Denken muss Teil der DNA einer zeitgemäßen Verwaltung sein.“
Swen Christian ist seit dem 1. November 2025 Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Gemeinde Wachtberg. Die Gemeinde mit gut 20.000 Einwohnern gehört zum Rhein-Sieg-Kreis und grenzt unmittelbar an die Bundesstadt Bonn sowie an das Bundesland Rheinland-Pfalz. In den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit hat Swen Christian die Einführung von Building Information Modeling (BIM) geprüft. Wir sprachen mit ihm für den politischen Newsletter "Das Berlin-Briefing" von buildingSMART Deutschland über das Ergebnis, die Chancen und die Herausforderungen der Einführung von BIM auf kommunaler Ebene.
Herr Christian, was ist Ihre bisher größte Erkenntnis im Amt als Bürgermeister?
Die wichtigste Erkenntnis ist für mich: Ohne klare strategische Ziele und konsequente Umsetzung geht es nicht – aber genauso wahr ist, dass wir jeden Tag um Prioritäten ringen. Wir haben sehr hochprioritäre Maßnahmen, die einfach laufen müssen: Schulsanierungen und -erweiterungen, eine aktuell laufende Hallenbadsanierung und vieles mehr. Und gerade bei solchen Projekten sieht man sehr plastisch, was uns in der Vergangenheit gefehlt hat: Wenn wir bei manchen Gebäuden schon vor Jahrzehnten mit strukturierten Bestandsdaten gearbeitet hätten – ich sage es zugespitzt: mit einem "BIM von damals" –, wären heutige Problemlösungen oft deutlich schneller und weniger fehleranfällig.
Was ich daraus ableite: Digitalisierung ist kein zeitlich begrenztes Vorhaben, das man "einführt und abhakt". Ich verstehe das eher als Philosophie, als digitales Denken, das man Schritt für Schritt in den Genen einer Verwaltung verankert. Und das ist dann am Ende auch der Maßstab: Nicht "wir haben ein Projekt gemacht", sondern "wir arbeiten anders".
Digitalisierung ist kein zeitlich begrenztes Vorhaben, das man „einführt und abhakt“. Ich verstehe das eher als Philosophie, als digitales Denken, das man Schritt für Schritt in den Genen einer Verwaltung verankert. Und das ist dann am Ende auch der Maßstab: nicht „wir haben ein Projekt gemacht“, sondern „wir arbeiten anders“.
Sie wollten die ersten 100 Tage nutzen, um die Einführung von Building Information Modeling (BIM) zu prüfen. Welchen konkreten Effizienzgewinn versprechen Sie sich davon für eine 20.000-Einwohner-Gemeinde wie Wachtberg?
Transparenz ist ein Teil des Nutzens, aber aus meiner Sicht liegt der noch größere Effizienzgewinn woanders: in der Geschwindigkeit und Qualität der Problemlösung im laufenden Betrieb und in Projekten. Wenn ich ein Gebäude wirklich verstehe, also nicht nur Pläne in Ordnern habe, sondern eine belastbare digitale Datengrundlage , dann kann ich Fragen schneller beantworten: Was ist verbaut? Wo laufen Leitungen? Was hängt wovon ab? Was hat welchen Wartungszyklus? Was bedeutet eine Änderung an einer Stelle für andere Gewerke?
Gerade für eine Kommune unserer Größe ist das wichtig, weil wir keine beliebig großen Teams haben, die Dinge parallel bearbeiten können. BIM kann dabei helfen, Abstimmungen zu beschleunigen, Fehler zu reduzieren, Änderungen besser zu steuern – und am Ende unnötige Schleifen zu vermeiden. Ich verspreche da keine Wunder von heute auf morgen. Aber ich bin überzeugt: Wenn wir unsere Bau- und Gebäudewelt sauber datenbasiert aufstellen, gewinnen wir Zeit – und Zeit ist in der Verwaltung eine der knappsten Ressourcen.
Zu welchen Ergebnissen hat diese Sondierung geführt?
Entstanden ist eine klare Priorisierung und ich habe ein pragmatisches Vorgehen für Wachtberg abgeleitet – in drei Stufen:
Erstens werden wir BIM bei neuen Projekten verbindlich zum Bestandteil der Ausschreibung machen – als klar definierte Anforderung im Lastenheft. Wir wollen von Anfang an sicherstellen, dass digitale Modelle, Datenstrukturen und Übergaben so angelegt sind, dass wir sie später tatsächlich nutzen können.
Zweitens werden wir Gebäude, die relativ neu sind oder vor nicht allzu langer Zeit saniert wurden, sukzessive nacherfassen – allerdings ausschließlich in dem Tempo, das unsere Kapazitäten zulassen. Und Kapazitäten heißen bei uns ganz konkret: Personal, Zeit und finanzielle Mittel. Mein Ziel ist dabei nicht irgendein „halb-digitaler“ Zustand, sondern ein echter, vollständiger digitaler Zwilling unserer Gebäude, der Schritt für Schritt aufgebaut wird.
Drittens werden wir bei älteren Gebäuden, bei denen eine Sanierung oder perspektivisch auch ein Ersatzneubau ohnehin anstehen, keine aufwendige nachträgliche Digitalisierung mehr starten. Die digitale Abbildung entsteht dort im Zuge der Maßnahme, also dann, wenn wir die Projekte ohnehin anfassen. Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise das Rathausgebäude.
Parallel dazu – und das ist mir wichtig – schaffen wir sukzessive die Basis für künftiges digitales Arbeiten insgesamt. Das ist kein Beiwerk, sondern Voraussetzung: Daten, Standards, Prozesse.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Hürden für modellbasiertes Planen und Bauen?
Wenn ich es auf einen Nenner bringen soll: Qualifikation, Ressourcen und Veränderung im Kopf.
Qualifikation ist ein Schlüsselthema – und zwar intern in der Verwaltung genauso wie extern bei den Planungsbeteiligten. Gleichzeitig fehlt uns heute schon Personal, und von den finanziellen Spielräumen ganz zu schweigen. Und dann kommt dazu: BIM ist kein technischer Zusatz, den man „oben drauf“ setzt. Es verändert Arbeitsweisen , es ist ein Kultur- und Prozesswechsel, ja ein Paradigmenwechsel.
Deshalb ist mir wichtig, dass wir realistisch bleiben: Wir müssen lernen, Standards festlegen, Zuständigkeiten klären und das Ganze so aufsetzen, dass es im Alltag funktioniert – nicht nur auf dem Papier.
buildingSMART setzt auf offene Standards. Wie wichtig ist es Ihnen, dass die Verwaltung Herr ihrer Daten bleibt, statt sich von Softwareanbietern abhängig zu machen?
Das ist für mich nicht verhandelbar. Eine Kommune muss über Jahrzehnte handlungsfähig bleiben – unabhängig davon, welche Software gerade am Markt ist oder welche Lizenzmodelle sich ändern. Unsere Daten müssen uns gehören, und wir müssen sie auch in Zukunft nutzbar halten.
Deshalb sind offene, herstellerneutrale Standards und saubere Datenstrukturen so wichtig. Und ich ergänze noch einen Punkt: Wir sollten als Kommunen viel stärker voneinander lernen und uns vernetzen – damit nicht jede Kommune jedes Lastenheft, jede Anforderung und jeden Prozess alleine neu erfindet. Hier sehe ich großen Hebel durch interkommunalen Austausch. Bei allem zu beachten ist natürlich, dass der Schutz unserer Daten auch ein Beitrag zur Sicherstellung der Resilienz unserer (vulnerablen) Infrastruktur ist.
Sie waren vor Ihrer Wahl Dezernatsleiter für die Technischen Dienste in Wachtberg. Wie sind Sie auf das Thema BIM aufmerksam geworden?
Zum einen durch meinen beruflichen Hintergrund als Geograph: Ich habe einen ganzheitlichen Blick auf Räume, Strukturen und Daten – und bin mit Geodaten selbstverständlich vertraut. Zum anderen durch die Praxis: In den acht Jahren als Leiter des Dezernats „Technische Dienste“ bei der Gemeinde Wachtberg habe ich mich immer wieder bewusst neuen Entwicklungen zugewandt, nicht aus „Technikbegeisterung“, sondern weil ich die Arbeitsgrundlagen der Verwaltung verbessern und zukunftsfähig machen wollte.
BIM ist für mich die konsequente Weiterentwicklung dieses Denkens im Bau- und Gebäudebereich: Wenn wir ohnehin planen, bauen, betreiben und sanieren, dann müssen wir es so tun, dass Wissen nicht verloren geht und wir als Kommune dauerhaft davon profitieren.
Viele im Bauamt fürchten durch BIM eine digitale Mehrbelastung. Wie nehmen Sie Ihren Mitarbeitern diese Sorge und vermitteln stattdessen den Nutzen der langfristigen Arbeitserleichterung?
Diese Sorge nehme ich sehr ernst, denn ich kenne sie aus einem ganz konkreten Beispiel: der Einführung unseres Dokumentenmanagementsystems. Das ist ein echter Paradigmenwechsel, weil unter „Digitalisierung“ häufig noch verstanden wird: Man scannt Papier ein. Aber das ist nicht der Kern.
Der Kern ist der Aufbau einer belastbaren Datengrundlage und sauberer Prozesse im Hintergrund. Das ist anfangs Arbeit – keine Frage. Aber ohne diesen Schritt wird es später keine echte Entlastung geben, und auch Themen wie der sinnvolle Einsatz von künstlicher Intelligenz bleiben dann Theorie.
Was mir in der Umsetzung wichtig ist: Wir dürfen Mitarbeitenden nicht einfach zusätzliche Aufgaben geben, ohne alte Routinen wirklich abzulösen. Wir brauchen Qualifizierung, wir brauchen klare Standards – und wir brauchen vor allem Zeitfenster, in denen Veränderung überhaupt stattfinden kann. Sonst bleibt Digitalisierung Dauerstress statt Entlastung.
Als Geograph kennen Sie den Wert von Geodaten. Planen Sie für Wachtberg einen "Digitalen Zwilling", um Stadtplanung und Klimafolgenanpassung auf Basis valider 3D-Modelle zu steuern?
Ja – der digitale Zwilling ist perspektivisch gesetzt. Aber ich sage auch offen dazu: Wir stehen beim Aufbau der Datengrundlagen noch am Anfang. Eine meiner ersten konkreten Änderungen, als ich Anfang des Jahres 2018 hier angefangen habe, war, dass in verschiedenen Projekten Informationsgrundlagen durch die Schaffung von Geodaten gestartet und entsprechende Strukturen aufgebaut werden. Das ist ein wichtiger Anfang – aber da liegt noch viel Arbeit vor uns.
Mir geht es dabei um eine solide Basis: GIS, verlässliche Daten, klare Zuständigkeiten. Erst wenn die Datengrundlage stimmt, kann man daraus wirklich Steuerung machen – sei es in der Planung, in der Klimafolgenanpassung oder in der Bewirtschaftung kommunaler Infrastruktur.
Wie machen Sie Ihre Mitarbeiter fit für die digitale Baustelle?
Qualifizierung ist der Schlüssel – aber Qualifizierung allein reicht nicht. Wir brauchen Ressourcen, und damit meine ich sehr konkret auch Zeit. Wir sind mit unseren Projekten auf Jahre stark ausgelastet. Das liegt daran, dass in der Gründungszeit der Gemeinde Wachtberg (Anmerkung: aufgrund der Gebietsreform 1969) viele Strukturen und Gebäude zeitgleich geschaffen wurden, die nun auch zeitgleich ihr Lebensende erreichen. Wenn wir digitale Methoden sauber einführen wollen, müssen wir das so organisieren, dass es im Tagesgeschäft nicht untergeht und nicht „nebenbei“ laufen muss.
In der Praxis bedeutet dies eine schrittweise Einführung, gezielte Fortbildungen, klare Rollen und bei Bedarf auch externe Unterstützung, um Wissen in der Verwaltung aufzubauen und nicht nur einzukaufen.
Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Gemeinde mit dem digitalen Bauantrags- und Prüfungsverfahren?
Stand heute müssen wir ehrlich sagen: Wir können digitale Bauanträge noch nicht verarbeiten, wie man es „voll digital“ eigentlich erwarten würde. Auch hier stehen wir am Anfang.
Was wir allerdings bereits geschafft haben: Seit gut einem Jahr bieten wir über unser Serviceportal die ersten echten digitalen Services an, zum Beispiel die Beantragung von Urkunden, von der Einreichung über die Abwicklung bis hin zum E-Payment. Dieser Prozess ist vollständig digitalisiert, und genau so stelle ich mir perspektivisch weitere Bereiche vor. Gerade im Bauantrags- und Prüfungsverfahren sind die Anforderungen, Schnittstellen und Abläufe jedoch sehr komplex. Das braucht Zeit, Standards und die passende Infrastruktur in der Verwaltung.
Der Bund stellt über Sondervermögen Milliarden für die Infrastruktur bereit. Wie viel davon investiert Wachtberg gezielt in die digitale Planung dieser Projekte?
Eine konkrete Summe seriös zu nennen, ist schwierig – weil Digitalisierung nicht als ein einzelner Posten "X Euro für BIM" funktioniert. Wir werden digitale Anforderungen künftig in den Projekten mitdenken und über Ausschreibungen absichern.
Was ich aber sehr klar benennen will: Uns fehlt eindeutig Geld für Digitalisierung. Und es gibt ein strukturelles Problem: Wenn wir Digitalisierung als Investment begreifen könnten – auch im haushalterischen Sinne –, würde uns das sehr helfen. Im Moment ist vieles konsumtiv im laufenden Haushalt zu finanzieren. Das ist für Kommunen ein echtes Hemmnis, weil es Spielräume bindet, die wir an anderen Stellen brauchen.
Uns fehlt eindeutig Geld für Digitalisierung. Und es gibt ein strukturelles Problem: Wenn wir Digitalisierung als Investment begreifen könnten – auch im haushalterischen Sinne –, würde uns das sehr helfen. Im Moment ist vieles konsumtiv im laufenden Haushalt zu finanzieren. Das ist für Kommunen ein echtes Hemmnis, weil es Spielräume bindet, die wir an anderen Stellen brauchen.
Um den Austausch zwischen den Akteuren der öffentlichen Hand zu fördern, wird aktuell unter dem Dach von buildingSMART eine neue Fachgruppe "BIM Öffentliche Hand" gegründet. Wie intensiv tauschen Sie sich bereits mit anderen Kommunen über die Digitalisierung des Bauens aus?
Der Austausch ist für uns sehr wichtig – und er findet auch statt. Ich möchte hier besonders die linksrheinische interkommunale Zusammenarbeit hervorheben, in der wir uns mit anderen linksrheinischen Kommunen im Rhein-Sieg-Kreis eng austauschen. Darüber hinaus gibt es natürlich auch den regelmäßigen Austausch mit allen 19 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern im Kreis.
Die Fachgruppe „BIM Öffentliche Hand“ kenne ich persönlich inhaltlich noch nicht im Detail. Grundsätzlich halte ich solche Formate aber für sinnvoll – gerade wenn es darum geht, Standards zu teilen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam schneller zu werden. Wenn das praxisnah organisiert ist, bin ich für so etwas offen.
Wenn Sie einen Wunsch an die Bundesregierung frei hätten, um die Digitalisierung in den Kommunen zu beschleunigen: Welcher wäre das?
Der wichtigste Wunsch ist: Wenn der Bund Aufgaben an die Kommunen gibt oder Standards und digitale Verfahren einfordert, dann muss er das auch verlässlich finanzieren. Ohne Finanzierung bleibt Digitalisierung ein Auftrag ohne Mittel – und das führt zwangsläufig zu Frust und Stillstand.
Daneben wünsche ich mir klare Rahmenbedingungen und Standards, die uns helfen, nicht überall wieder bei null anzufangen. Wir verschwenden aktuell zu viel Zeit damit, dass viele Kommunen die gleichen Grundfragen separat lösen müssen. Weniger "Rad neu erfinden", mehr gemeinsame Leitplanken – und vor allem: eine Finanzierung, die den realen Aufwand abbildet. Und bitte nicht noch mehr Bürokratie durch neue Förderkulissen – das muss dringend anders werden, da sie Personal und damit auch Mittel binden und in meinen Augen Ausdruck eines wachsenden Misstrauens gegenüber den Kommunen darstellen.
Auf Ihrer Website nennen Sie die nachhaltige Gemeindeentwicklung als Ziel Ihrer Politik. Dort führen Sie auch die Themen Wohnungsbau und Ausbau erneuerbarer Energien an. Wo sehen Sie die Gemeinde Wachtberg in fünf Jahren beim digitalen Planen und Bauen?
In fünf Jahren möchte ich, dass wir an einem Punkt sind, an dem digitales Arbeiten in Wachtberg nicht mehr als Sonderthema behandelt wird, sondern als Normalität. Dass wir also nicht mehr "digitalisieren", sondern digital arbeiten.
Konkret heißt das: Neue Projekte setzen wir konsequent so auf, dass BIM und digitale Datenübergaben Standard sind. Bei ausgewählten Bestandsgebäuden haben wir den digitalen Zwilling so weit aufgebaut, dass er uns im Betrieb tatsächlich hilft – bei Wartung, bei Sanierungsplanung, bei Energiefragen. Und bei den Datengrundlagen, insbesondere bei Geodaten und GIS, sind wir deutlich weiter: belastbare Daten, klare Prozesse, die Fähigkeit, daraus Entscheidungen abzuleiten.
Das ist aus meiner Sicht auch ein Baustein nachhaltiger Gemeindeentwicklung: Schneller, transparenter, vorausschauender zu planen – und dabei die knappen Ressourcen in der Verwaltung besser einzusetzen.
Herr Christian, herzlichen Dank für das Interview.
Zu dem Thema ist im bSD Verlag erschienen:
- BIM und Baugenehmigung
Herausgeber: Judith Fauth, Joaquin Diaz, Markus König und Wolfgang Müller