
„Eigentlich ist es die Behebung eines Geburtsfehlers“ – Interview mit Dr. Volker Krieger zum Draft der ISO-Norm 19650
Here is an English version of this interview.
Als ein langjähriges Mitglied der internationalen Arbeitsgruppe ISO TC59/SC13/WG13 und DIN-Vertreter hat Dr. Volker Krieger die Normenreihe ISO 19650 von Beginn an mitgestaltet. Jetzt arbeitet die Gruppe an deren Revision. Ende April 2026 endete die internationale Kommentierungsphase. Mitte Juni 2026 trifft sich die Arbeitsgruppe erstmals in Mailand, Italien, um die Kommentare einzuarbeiten. Im Gespräch mit bSD+ erklärt Volker Krieger, warum die Revision im Kern einen „Geburtsfehler" der ersten Fassung behebt, was hinter dem neuen Begriff „Information Production" steckt und warum der Markt dem Prozess vertrauen sollte.
Die ISO 19650 ist im BIM-Umfeld weithin bekannt. Wofür steht die Norm?
Dr. Volker Krieger: Die ISO 19650 ist das übergreifende Framework, unter dem sich alle anderen BIM-Normen verorten lassen. Ihre wichtigste Leistung ist die Einführung einer einheitlichen Terminologie. Die Norm schafft Begriffe, damit die Bauwirtschaft weiß, wovon sie spricht. Das klingt simpel, ist es aber nicht: Auf Konferenzen erlebe ich nach wie vor, dass „BIM" einmal die Modelle bezeichnet und andernorts das Informationsmanagement meint. Inzwischen braucht man nur diese fünf Zahlen zu nennen (19650) und sofort glaubt jeder zu wissen, wovon die Rede ist. Dem ist nicht allerdings nicht so. Deshalb mein dringender Hinweis: Wer mit der ISO 19650 arbeitet, sollte sie tatsächlich gelesen haben – insbesondere Kapitel 3.
Warum wird die Norm jetzt überarbeitet, was war der Auslöser für den Revisionsprozess?
Zunächst zur Systematik: Bei jeder ISO-Norm ist ein Fünf-Jahres-Review Routine. Jede Norm muss regelmäßig geprüft werden, ob sie noch gültig ist oder überarbeitet werden muss. Dass wir jetzt das Jahr 2026 haben und Teil 1 der DIN 19650 von 2018 stammt, zeigt allerdings, dass diese Überarbeitung alles andere als unkompliziert ist. Wir haben inzwischen aber auch echte Praxiserfahrung gesammelt. In mehr als fünf Jahren hat sich gezeigt, wo die ursprüngliche Konstruktion Schwächen hatte. Die Revision ist also formale Pflicht und inhaltliche Notwendigkeit zugleich.
Wenn Sie den jetzt erstellten Entwurf, den sogenannten Draft, in einem Satz zusammenfassen sollen: Was ist seine zentrale Veränderung?
Eigentlich ist es das Beheben eines Geburtsfehlers. Die alte aber derzeit noch gültige Normenreihe hat einen Teil 1 für Konzepte und Begriffe sowie die Teile 2 und 3, die sich in einen Projektmanagementteil und einen Assetmanagementteil aufteilen. Das ist aus heutiger Sicht keine durchdachte Sichtweise mehr. Man kann dies schon daran erkennen, dass Bereiche in den Teilen 2 und 3 redundant sind. Die modernere und angemessenere Perspektive ist der Asset Lifecycle. Wir haben deshalb beschlossen, die gesamte 19650-Reihe über den Asset Lifecycle zu legen und alle Konzepte aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Die Begriffe verändern sich nicht grundlegend, aber sie müssen aus dem Paradigma des Asset Lifecycle heraus neu justiert werden.
Es geht weniger darum, ein spezifisches Projektproblem zu beheben, als darum, die Norm an die Wirklichkeit anzupassen.“
Der Asset Lifecycle als zentrales Paradigma: Können Sie diesen Perspektivwechsel noch etwas genauer erläutern?
Es geht dabei weniger darum, ein spezifisches Projektproblem zu beheben. Vielmehr soll die Norm der Wirklichkeit angepasst werden. Wir wissen, dass 80 Prozent aller Investitionen im Asset Management liegen und nicht im Projektbereich. Die großen Bauherren denken längst vom Asset Management her. Die bisherige Norm hat das nicht ausreichend abgebildet. Mit der neuen Version bieten wir ein Framework, das diesen Realitäten entspricht: Wer sich aus dem Asset Management dem Informationsmanagement nähert, soll dieselben Begriffe vorfinden, die er aus seinem Kontext kennt. Das ist der Kern.
Welche Änderungen im Draft halten Sie für wirklich folgenreich?
Ich würde die einzelnen Änderungen nicht als dramatisch folgenreich bezeichnen. Sie sind vor allem logisch. Aber eine Neuerung hat viel Diskussion ausgelöst: der Begriff „Information Production". Den kann man schlicht nicht mit „Informationsproduktion" übersetzen. Das wäre sachlich falsch. Ein anglophoner Sprecher versteht unter „Production" deutlich mehr als wir im Deutschen; im Sinne der Norm gehört auch die Planung dazu. Das hat unseren Architekten anfangs Probleme bereitet.
Hinter der Einführung dieses Begriffs steckt aber ein konkreter strategischer Hintergrund: Wer sich nach ISO 19650 zertifizieren lassen möchte, dem stehen grundsätzlich zwei Wege zur Verfügung. Der eine ist eine Managementzertifizierung analog zur ISO 9000. Der andere ist eine Produktzertifizierung. Letztere ist deutlich schlanker und günstiger. Von Anfang an war es unser Ziel, eine Norm zu schreiben, in der Informationsmanagement als Informationsproduktion verstanden wird, um genau diesen Zertifizierungsweg zu ermöglichen. Dafür brauchen wir den Begriff „Information Production" in der Norm.
Das berührt übrigens ein konkretes praktisches Problem: Derzeit gibt es in Europa nur eine einzige akkreditierte Zertifizierungsstelle für die 19650 und die sitzt in England. Durch den Brexit kann sie auf dem europäischen Kontinent nicht tätig werden. Damit sich das ändert, wird an verschiedenen Stellen gearbeitet. Aber ein Akkreditierungsprozess dauert Jahre.
Der Draft soll sich von vertrauten Akronymen wie OIR (Organisational Information Requirement), PIR (Project Information Requirement), AIR (Aset Information Requirement), EIR (Exchange Information Requirement) lösen. Steht dahinter ein anderes Rollen- und Prozessverständnis?
Das ist noch nicht entschieden, und das möchte ich klar einordnen. In Mailand liegt diese Änderung auf dem Tisch. Die Optionen reichen vom vollständigen Erhalt der bisherigen Begriffe bis zu einer Zusammenfassung unter einem übergeordneten Konzept der „Informationsanforderung schlechthin", ähnlich wie es die ISO 29481 mit dem „Exchange Requirement" macht.
Meine persönliche Tendenz: Ich würde die eingeführten Informationsanforderungen – über Organisation, Projekt und Austausch – beibehalten. Es hat sich ein vernünftiger Workflow etabliert, der auf diesen Begriffen aufbaut. Der Markt orientiert sich daran. Wer diese Begriffe jetzt ändert, schafft neue Unsicherheit.
Ich möchte auch vor dem Phänomen warnen, das wir gerade beobachten: Manche nutzen den vorliegenden Draft, der noch nicht beschlossen ist, um ihre eigene Position in die Debatte zu schieben. Das ist kein sachlicher Beitrag.
„Der Draft sagt deutlich, dass freie und offene Standards bevorzugt werden sollen.“
Wie verhält sich der Draft zu offenen Standards wie IFC?
Der Draft sagt deutlich, dass freie und offene Standards bevorzugt werden sollen. Die Argumente sind offensichtlich: Freie und offene Standards fördern nachweislich den Markt, wie das Internetprotokoll oder das World Wide Web zeigen. Gleichzeitig bleibt die Norm bewusst technologieoffen. Das sieht man an der formalen Struktur: Die IFC-Norm (ISO 16739) und die IDM-Norm (ISO 29481) erscheinen nicht in Kapitel 2, den normativen Referenzen, sondern nur in der Bibliografie. Das ist ein bewusstes Signal: empfohlen, aber nicht vorgeschrieben.
Was das moderne BIM-Verständnis dabei illustriert, ein Kollege hat es kürzlich schön beschrieben: Wenn man mit einem IFC-Editor arbeitet und das 3D-Ansichtsfenster immer kleiner wird, weil die Informationsfenster daneben immer mehr Daten zeigen, dann macht man alles richtig. Das ist der Paradigmenwechsel. Im modernen BIM hänge ich die Geometrie an die Informationen und nicht umgekehrt. Die neueren Softwaretools machen das sehr deutlich sichtbar.
Wo stehen wir aktuell? Die Kommentierungsphase endete Ende April 2026.
Wir befinden uns in der „Draft International Standard"-Phase (DIS), in der wir technisch am Review arbeiten. Die internationalen Kommentare sind eingegangen; ich kenne bisher nur die deutschen. Als Mitglied der WG13 werden uns die Kommentare vor dem Treffen zugänglich gemacht. Sie werden nicht erst in Mailand auf den Tisch gelegt. Das erste Arbeitstreffen findet Mitte Juni statt, drei Tage sind eingeplant.
Ich kann noch nicht abschätzen, wie viele Kommentare insgesamt eingegangen sind. 2018 hatten wir rund 1.500. Das war enorm. Die Situation ist heute erfahrungsreicher, aber allein die deutschen Kommentare zeigen schon das Ausmaß der Arbeit. Ich glaube nicht, dass wir in Mailand fertig werden, weshalb wir für September bereits ein zweites Treffen angesetzt haben.
Und ich sage es offen: Der vorliegende Draft hat handwerkliche Defizite. Er wurde unter Zeitdruck zu schnell zusammengestrickt. Das hat alle geärgert. Im Extremfall entscheiden wir, einen neuen Draft aufzusetzen. Das würde länger dauern, aber das Ziel ist kein schnelles Ergebnis, sondern ein solides und vom Markt akzeptiertes Dokument.
Welche Rolle spielt DIN, und wo kann die deutsche Fachöffentlichkeit noch Einfluss nehmen?
Die Fachöffentlichkeit hat ihren Einfluss bereits eingebracht. Wir haben vier Sitzungstermine mit verschiedenen Verbänden abgehalten. Das waren sehr intensive Runden, aus denen die deutschen Kommentare entstanden sind. Ich glaube, wir haben da gute Arbeit geleistet.
Der entscheidende Moment ist jetzt die Sitzung in Mailand selbst. Dort müssen wir unsere deutschen Positionen vertreten und verteidigen – mit Kompromissbereitschaft, aber auch mit dem Blick dafür, was vernünftig ist. Es ist wichtig zu wissen: Bei der ISO gilt das Konsensprinzip. Kommentare müssen auf Englisch eingereicht werden und einen Lösungsvorschlag enthalten. Ein bloßes „Gefällt mir nicht" wird formal nicht berücksichtigt. Das ist bei tausenden Kommentaren aus Dutzenden Ländern schlicht notwendig.
Wie sieht der der weitere Fahrplan aus? Was sollten Organisationen jetzt tun?
Nach der DIS-Phase folgt die „Final Draft International Standard"-Phase (FDIS). In der wird technisch nichts mehr geändert, es geht nur noch um Grammatik und redaktionelle Fragen. Sobald die FDIS-Phase beginnt, haben Marktbeteiligte die technische Sicherheit: So wird die Norm aussehen. Dann ist der richtige Zeitpunkt für organisatorische Vorbereitungen.
Ich rechne damit, dass die Kommentareinarbeitung bis Oktober oder November 2026 abgeschlossen ist, danach folgt die FDIS-Phase.
Für heute gilt: abwarten, beobachten und sich von Spekulationen fernhalten. Was in Sozialen Netzwerken kursiert, ist häufig nicht hilfreich. Organisatorische Maßnahmen auf Basis eines unfertigen Entwurfs einzuleiten, wäre verfrüht. Der ISO-Prozess ist gut strukturiert und verdient in dieser Phase das Vertrauen des Markts.
Was würde die Revision konkret für öffentliche Auftraggeber, große private Bauherren und die Projektorganisation verändern?
Dr. Volker Krieger: Die großen Bauherren und Auftraggeber denken vom Asset Management her. Diese Revision gibt ihnen endlich ein Normenwerk, das ihnen auf Augenhöhe begegnet.
Konkret bedeutet es, das belastbarere terminologische Grundlagen für Ausschreibungen, Informationsanforderungen und Leistungsbilder zur Verfügung stehen. Das heißt für die Praxis: Informationsanforderungen lassen sich künftig klarer formulieren, Leistungsbilder normkonform beschreiben und Übergabeprozesse vom Projekt ins Asset Management durchgängig definieren ohne Lücken überbrücken zu müssen. Für die Projektorganisation bedeutet es, dass der Informationsfluss stärker als Teil eines Lebenszyklus gedacht werden muss und nicht mehr als isoliertes Projekt mit einer Datenübergabe am Ende.
Ich bitte dabei auch um Nachsicht: Im ersten Anlauf mit Teil 1 von 2018 haben wir nicht alles richtig gemacht. Das korrigieren wir jetzt und das kommt allen zugute.
„KMUs müssen diese Beschreibungen auf ihre eigene, kleinere Organisationswirklichkeit übertragen können.“
Wo liegen die größten Herausforderungen für KMU, wenn der Draft zur Norm wird?
Das ist das klassische Strukturproblem des deutschen Markts: Wir sind ein KMU-geprägtes Umfeld. KMUs betreuen in der Regel nur Teile des Asset-Lebenszyklus und müssen sich dabei korrekt mit denen austauschen, die andere Phasen verantworten. Das erfordert ein gemeinsames Begriffsverständnis und das kostet Lernaufwand.
Zwei konkrete Herausforderungen möchte ich nennen: Erstens müssen KMUs das Kapitel 3 der Norm – die Definitionen und Begriffe – wirklich verstehen. Die folgenden Kapitel 4 bis 12 erklären diese Definitionen und setzen sie in Kontext. Das ist Pflichtlektüre für jedes Unternehmen, das ernsthaft mit der ISO 19650 arbeiten will.
Zweitens: Der zukünftige Teil 2 wird Prozesse und Workflows beschreiben und das hinreichend konkret, um zu wissen, was für ein gutes Informationsmanagement zu tun ist. KMUs müssen diese Beschreibungen auf ihre eigene, kleinere Organisationswirklichkeit übertragen können.
Die Herausforderung für KMU besteht darin, die Konzepte auf die eigene Organisationswirklichkeit zu übertragen. Selbst wer nur Teile des Asset-Lebenszyklus verantwortet, muss die Sprache des gesamten Zyklus sprechen können.
Woran erkennen wir in drei bis fünf Jahren, ob die Revision erfolgreich war oder an der Praxis vorbeigegangen ist?
Ich rechne ehrlich gesagt nicht damit, dass die Revision an der Praxis vorbeigeht. Aber ich rechne mit der Trägheit des Marktes. Viele werden zunächst sagen: Lasst uns erst mal noch nach der Version von 2018 arbeiten. Das ist legitim. Denn die alte Version wird nicht zurückgezogen, bevor wir sicher wissen, dass die neue in der Praxis funktioniert.
Der Erfolg zeigt sich darin, wie schnell die neue Revision zur Selbstverständlichkeit wird. Ich könnte mir vorstellen, dass das recht zügig geht – vielleicht schon in zwei bis drei Jahren orientieren sich die meisten Marktteilnehmer an der neuen Revision. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir in Mailand und danach gute Arbeit leisten und ein Dokument vorlegen, das handwerklich sauber ist und als echte Verbesserung wahrgenommen wird.
Herr Dr. Krieger, herzlichen Dank für das Interview.
Here is an English version of this interview.
Zur Person
Dr. Volker Krieger ist langjähriges Mitglied der ISO TC59/SC13/WG13 – der internationalen Arbeitsgruppe, in der die ISO-19650-Reihe erarbeitet wurde und wird. Er ist Mitglied der Editorial Group der ISO (TC59/SC13/WG13), DIN-Vertreter im ISO TC59/SC13 sowie Fachbereichsleiter im DIN-Ausschuss AA03 „Informationsmanagement mit BIM". Darüber hinaus ist er Mitglied im DIN-Ausschuss FSD 02AA, in dem der IFC-Standard (ISO 16739) gespiegelt wird. Er ist Autor des Kommentarbands „Informationsmanagement mit BIM: Kommentar zu DIN EN ISO 19650" (DIN Media, 2023, hrsg. vom DIN e.V.).
