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„Die Struktur des IFC 4.3-Standards ist final“

Anfang Januar 2024 gab buildingSMART International bekannt, dass IFC 4.3 von ISO, also der Internationalen Organisation für Normung, als weltweit gültiger Standard anerkannt worden ist. An der Erreichung dieses Meilensteins hat auch Dr.-Ing. Thomas Liebich, Vorstandsmitglied von buildingSMART Deutschland und Geschäftsführer der AEC3 Deutschland GmbH, mitgewirkt. Mit ihm sprachen wir darüber, was die Anerkennung bedeutet und was nun die weiteren Schritte bei der Einführung des Standards sind.

Herr Dr. Liebich, was heißt es, dass IFC 4.3 durch ISO anerkannt wurde? 
Der offizielle Stand ist: Die letzte Abstimmung zur Anerkennung des ISO-Standards ist gelaufen und positiv beschieden worden. Jetzt wird er publiziert, ist aber noch nicht veröffentlicht. Also: Wir können schon sagen, dass der Standard anerkannt ist, er befindet sich aber noch im Stand der finalen Publikation.

Aber gearbeitet wird an dem Standard nicht mehr?
Nein, der Standard ist fertig und final beschlossen. Wir erwarten, dass der Standard Ende März oder Anfang April veröffentlicht wird.

Dr.-Ing. Thomas Liebich

Dr.-Ing. Thomas Liebich

Was bedeutet diese Anerkennung?
Zuallererst bedeutet die Anerkennung, dass ein vier- bis fünfjähriger und sehr intensiver Entwicklungsschritt abgeschlossen ist, an dem weltweit hunderte von Experten mitgearbeitet haben. Die Struktur des IFC4.3-Standards ist damit final, die Software-Unternehmen haben somit die Sicherheit, dass es keine Änderungen mehr gibt, wenn sie diesen jetzt implementieren. Einige Softwarehersteller haben schon in der Beta- oder Pre-Release-Phase mit der Implementierung begonnen und haben jetzt bei der Überführung in die finale Version einen Entwicklungsfortschritt. Und im Sinne der öffentlichen Wahrnehmung hat der Standard nun einen anderen Wert bekommen, da es sich nicht nur um einen Industriestandard handelt, den buildingSMART als Nicht-Regierungsorganisation veröffentlicht, sondern um einen formal-verabschiedeten internationalen Standard.

Auch CEN hat den Standard zeitgleich anerkannt. Diese Tatsache geht gerade etwas unter. 
Thomas Liebich

Eines möchte ich noch betonen, es handelt sich auch um eine zeitgleiche Abstimmung in CEN (Europäisches Komitee für Normung). Auch CEN hat den Standard zeitgleich anerkannt. Diese Tatsache geht gerade etwas unter. Es bedeutet aber, dass DIN den IFC 4.3 Standard in den nächsten Monaten auch in das deutsche Normenwerk übernimmt. Im Laufe des Jahres 2024 wird IFC 4.3 als DIN EN ISO 16739-1:2024, so der offizielle Titel, publiziert.

Dabei muss vielleicht hervorgehoben werden, dass ein Standard keine Vorschrift ist.
Ein Standard ist erst einmal „nur“ eine Veröffentlichung, die in einem anerkannten Verfahren und über einen die Fachöffentlichkeit einbeziehenden Abstimmungsprozess erstellt wurde. Über seine Anwendung oder die Verfügung seitens der Besteller wird dieser, vereinfacht gesprochen, zu einer allgemeinen Regel der Technik. So wäre damit zu rechnen, dass insbesondere öffentliche Auftraggeber den neuen ISO-Standard als ein Format für die BIM-Liefergegenstände im Infrastrukturbau mit in die Ausschreibungsunterlagen aufnehmen und diesen Standard als eine Grundlage für die weitere Projektbearbeitung setzen.

Wer ist neben den Software-Unternehmen jetzt noch gefordert, sich mit dem Standard auseinanderzusetzen?
Es gibt viele Beteiligte, die dabei eine Rolle spielen. Da ist die Basis-IT, die Softwareprodukte, mit denen in der Infrastruktur die Planung erstellt wird, das klassische CAD oder BIM. Die nächste Gruppe ist die der Content-Hersteller, die Bauobjekte und Bauteile für den Bereich der Infrastruktur entwickeln und anbieten. Auch die müssen mit dem Standard kompatibel werden, weil diese Komponenten in die entsprechende Software übernommen werden. Außerdem braucht es entsprechende Datenaustausch- und Datenqualitätsszenarien. IFC 4.3 ist erstmal ein sehr genereller Standard, der die grundlegenden Strukturen festlegt, die Geometrie, Fachobjekte und deren Relationen, die man zum Datenaustausch benötigt. Die inhaltlichen Details allerdings, welche Inhalte zu welchem Zeitpunkt im Lebenszyklus zu übertragen sind – von einem frühen Entwurf, über eine Trassierungsstudie bis zur Übergabe an die Ausführung, all das, was wir Austauschszenarien nennen, gilt es jetzt im Detail festzulegen. Dafür sind dann aber auch alle am Bau Beteiligten gefragt, damit diese genauen Festlegungen vorgenommen werden können.

Einige Male ist nun schon der Begriff „Infrastruktur“ gefallen. Dieser Bereich ist die grundlegende Erweiterung von IFC. 4.3 gegenüber den Vorgängerversionen, jetzt geht es vom Vertikalen ins Horizontale.
Genau. IFC 4.3 ist eine Erweiterung des 4er-Standards. Jetzt ist allerdings eine neue Klassifikation von Elementen hinzugekommen, die es bislang noch nicht gab. Bislang fand man in IFC zum Beispiel einen Balken, eine Stütze oder einen Luftauslass etc., aber eben keine Schiene, Schwelle, keine Erdschicht, keinen Damm oder Asphaltoberfläche. Diese fachlichen Bedeutungen für die Infrastruktur sind neu. Ebenso ist eine Strukturierung hinzugekommen, um Bauwerke in der Fläche besser zu beschreiben. Und, als ganz wesentliche Neuerung, ist die Trassierung hinzugekommen.

Was bedeutet das?
Wenn man sich mit Infrastrukturprojekten, insbesondere mit linearer Infrastruktur, auseinandersetzt, werden sehr viele Informationen mit der Trasse verknüpft. Die Trasse ist geometrisch und semantisch betrachtet ein sehr komplexes Informationsgebilde: Diese umfasst die Grundrissdarstellung und reicht über die Gradiente bis zur Querneigung (oder Überhöhung). Das ist eine der wesentlichen Erweiterungen hin zu IFC 4.3, sowohl im fachlichen als auch geometrischen Teil.

Statt Ebenen, wie im Hochbau, wird nun also zum Beispiel die Trasse das zentrale Element?
Ja. Die Trasse wird das zentrale Element, worauf sich dann auch andere Objekte in ihrer Lage beziehen können. Das ist zum Beispiel ein Haltesignal, das sich in einem bestimmten Abstand entlang der Trasse befindet. Das nennt man auch lineare Positionierung, und dies ist auch eine der Erweiterungen in IFC 4.3.

Neben der Trasse gibt es aber noch weitere Klassen für die Strukturierung?
Ja, es gibt neben der Struktur des Gebäudes nun auch Brücke, Schiene, Straße und Wasserbau. Mit IFC 4.4 wird dann noch die Struktur für Tunnel dazukommen.

Da am Ende immer derjenige entscheidet, der vor dem Computer sitzt, spielt natürlich auch das Thema Weiterbildung eine entscheidende Rolle. 
Thomas Liebich

Abgesehen von IFC 4.3-fähiger Software, wie können sich Unternehmen noch auf die Erweiterung vorbereiten?
Da am Ende immer derjenige entscheidet, der vor dem Computer sitzt, spielt natürlich auch das Thema Weiterbildung eine entscheidende Rolle. Anwender müssen die Erweiterung verstehen, auch wissen, was sie übertragen können. Ebenso, was nicht geht. Dann muss IFC natürlich auch in die täglichen Workflows integriert werden. Und nochmals zum Bereich Software: Nicht nur die erzeugenden Systeme müssen IFC 4.3 verstehen, sondern auch die entsprechende Viewer-Technologie, dass man es sich auf einer Datenplattform, auf einer CDE (Common Data Environment), ansehen kann, vielleicht auch darin entlang der Trasse messen kann. Da braucht es ein gewisses Ökosystem an Software, um das umzusetzen.

Und wie sieht es mit der Model View Definition, abgekürzt: MVD, aus?
Der ISO-Standard, die Basisdefinition ist abgeschlossen. Anders sieht es mit dem sogenannten Alignment-based Reference View aus, eine auf die Trassierung bezogene Referenzsicht, auf die sich viele Austauschszenarien beziehen. Dieser View ist im Rahmen der internationalen Implementierungsgruppe noch in Abstimmung. Da werden nun noch Feinheiten festgelegt, die von den tatsächlich beteiligten Softwareunternehmen besprochen werden sollen – auch um Interpretationsspielräume zu reduzieren. Hier kann ich alle Softwareunternehmen aus dem deutschsprachigen Raum nur dazu aufrufen, sich daran zu beteiligen.

Ihre Einschätzung: Wie lange braucht IFC 4.3, um im Markt anzukommen?
Bezogen auf Erfahrungen aus früheren Versionen ist das ein längerfristiger Prozess. Bestimmte Teile werden vorangehen, andere nachziehen. Ich prognostiziere zwei bis drei Jahre. Zuerst wird die Software ausgerollt, die muss von den Anwendern verstanden werden, es braucht Testphasen und IFC 4.3 muss in die Workflows eingebaut werden. Vielleicht brauchen wir auch noch Validierungsverfahren, um die Datenqualität sicherzustellen und Vertrauen aufzubauen.

Ich möchte noch einmal auf Ihre dritte Antwort zurückgehen, darauf, dass ein langjähriger Entwicklungsprozess mit IFC 4.3 zum Schluss kommt. Inwiefern waren deutsche Vertreter an der Entwicklung beteiligt?
Deutschland war auf jeden Fall an der Entwicklung beteiligt. Es gab damals sogar vom Vorgängerministerium des heutigen Bundesministeriums, dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), Unterstützungsprojekte, damit deutsche Experten an der Entwicklung mitwirken konnten – insbesondere für die Strukturen Brücke, Straße und Schiene. Da gab es dann eine sehr intensive Mitarbeit, auch von Seiten der Wissenschaft aus Universitäten und Hochschulen. Ebenso setzte sich unsere buildingSMART-Fachgruppe BIM und Verkehrswege intensiv mit IFC 4.3 auseinander, auch von dort kam Input und es wurde mitgewirkt.

Herr Dr. Liebich, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

Anmerkung:
Ende März 2024 veröffentlichte ISO den Standard ISO 16739-1:2024. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Dr.-Ing. Thomas Liebich zu Gast im bSD Talk

In Folge 11 unseres Podcasts bSD Talk ist Dr. Thomas Liebich Gast von Prof. Dr. Cornelius Preidel, Vorstandsvorsitzender von buildingSMART Deutschland. Auch in dieser Folge dreht sich alles um IFC, das Datenschema, das von buildingSMART für den herstellerneutralen Austausch von Informationen in BIM-Projekten entwickelt und gepflegt wird. Thomas Liebich nimmt die Hörerinnen und Hörer dabei mit auf die Entstehungsreise der Versionen von IFC bis hin zum aktuellen Standard IFC 4.3.